Dettingen
Dettinger Sagen und Geschichten
„Hôope“ und „Bethlehemer“
Wer heute durch die Fluren rund um Dettingen streift, findet nur noch wenige Spuren einer einst bedeutenden Nebenerwerbsquelle des Dorfes. Vereinzelt stehen verwilderte Rebstöcke an den Hängen, hier und da erinnern alte Trockenmauern an vergangene Zeiten. Besonders der Flurname „Wenget“ bewahrt bis heute die Erinnerung daran, dass an den Südhängen des Rappenbergs und des Höllsteins über Jahrhunderte hinweg Wein angebaut wurde.
Neben diesen bekannten Lagen wurde auch im „Gotthart“, im „Flaiger“, in der „Wanne“ und im „Steinbergle“ Wein kultiviert. Dort verrichteten die Wengerter ihre mühsame Arbeit. Tag für Tag stiegen sie die steilen Weinbergstaffeln hinauf und hinunter, pflegten die Rebstöcke und hofften auf eine gute Ernte. Reich wurden sie mit ihrer Arbeit allerdings selten. Zwar bescheinigte man dem Dettinger Wein eine Qualität, die jener des Rottenburger Weins ebenbürtig gewesen sei, doch die klimatischen Bedingungen waren für den Weinbau nur bedingt geeignet. Die Winter waren oft zu streng, die Vegetationsperiode zu kurz und die Erträge entsprechend gering.
So setzte bereits zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert ein schleichender Niedergang des Weinbaus ein. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts war der Rebanbau schließlich vollständig verschwunden. Die ehemalige Herrschaftskelter an der Straße nach Rottenburg blieb jedoch noch lange erhalten. Nachdem dort kein Wein mehr verarbeitet wurde, diente das Gebäude zunächst als Mostkelter, später als Feuerwehrmagazin. Sogar ein kleines Ortsgefängnis, das sogenannte „Kelterstüble“, war dort untergebracht. Erst 1973 wurde die historische Kelter abgebrochen, um einem Bankneubau Platz zu machen.
Hôop
Mit dem Ende des Weinbaus hätte die Geschichte der Dettinger Wengerter eigentlich abgeschlossen sein können. Doch bis heute erinnert ein alter Neckname daran. Im Rottenburger Raum wurden die Dettinger seit jeher als „Hôope“ bezeichnet. Der Name leitet sich von der „Hape“ oder „Hôop“ ab, einem scharfen, nach unten gebogenen Winzermesser, das für die Arbeit im Weinberg unverzichtbar war. Mit diesem Werkzeug wurden Reben geschnitten und gepflegt.
Der Spitzname trug jedoch noch eine zweite Bedeutung in sich. Nach alter Volksweisheit galt: „Wia's Gscherr, so isch au dr Herr“ – wie das Werkzeug, so sein Besitzer. Die Dettinger galten deshalb als etwas rau, bodenständig und nicht immer leicht zugänglich. Wer sie provozierte, konnte durchaus die unangenehme Bekanntschaft mit der „Hôop“ machen, denn das Messer eignete sich nicht nur zum Rebschnitt. Dennoch berichten Zeitzeugen und Überlieferungen, dass die Menschen in Dettingen überwiegend friedfertig, hilfsbereit und tief religiös waren.
Gerade diese Frömmigkeit spiegelt sich in einem weiteren Spitznamen wider, der vor allem in den Nachbarorten Hemmendorf und Weiler verbreitet war. Dort sprach man häufig von „Bethlehem“, wenn Dettingen gemeint war, und die Einwohner wurden entsprechend „Bethlehemer“ genannt.
Bethlehemer
Eine amüsante Anekdote verdeutlicht dies. Als ein neuer Pfarrer, der sowohl für Hemmendorf als auch für Dettingen zuständig war, bei einem Seniorennachmittag als Nikolaus auftrat, sprach ihn ein älterer Hemmendorfer an: „Herr Pfarr, Sie send aber guet dran beim bischöfliche Ordinariat!“ Verwundert fragte der Geistliche nach dem Grund. Die schlagfertige Antwort lautete: „Weil Se no die Pfarrstell Bethlehem dazua kriegt hent!“
Auf den ersten Blick erscheint dieser Vergleich mit der Geburtsstadt Jesu durchaus ehrenvoll. Doch wie so oft bei volkstümlichen Spitznamen verbirgt sich hinter der Bezeichnung ein zweiter, weniger schmeichelhafter Sinn. Viele Heimatforscher gehen davon aus, dass sich hinter dem fromm klingenden „Bethlehem“ eigentlich das Wort „Bettelheim“ verbirgt. Der Name spielte auf die oftmals bescheidenen Lebensverhältnisse vieler Dettinger Familien an.
Tatsächlich waren zahlreiche Bewohner gezwungen, ihren Lebensunterhalt außerhalb des Dorfes zu verdienen. Besonders Handwerker gingen regelmäßig „auf die Walz“. Mit einem Rucksack auf dem Rücken, einem Wanderstock in der Hand und oft nur wenigen Pfennigen in der Tasche zogen sie von Ort zu Ort auf der Suche nach Arbeit. Fanden sie keine Beschäftigung, erhielten sie gelegentlich ein kleines Almosen.
Manche dieser wandernden Handwerksgesellen gewöhnten sich so sehr an das unstete Leben, dass sie schließlich hauptsächlich vom Betteln lebten. In bestimmten Gasthäusern entlang ihrer Wege erhielten sie ein einfaches Mittagessen und eine Schlafmöglichkeit. Im Hemmendorfer „Kreuz“ fanden viele von ihnen regelmäßig Unterkunft. Dort legten sie am Abend ihre tagsüber gesammelten Münzen auf den Wirtshaustisch. Die Einnahmen wurden gerecht verteilt und anschließend oftmals gemeinsam vertrunken.
So erzählen die alten Spitznamen „Hôope“ und „Bethlehemer“ bis heute von zwei prägenden Seiten der Dettinger Geschichte: von den einstigen Wengertern und ihrem harten Alltag sowie von den einfachen Lebensverhältnissen vieler Dorfbewohner, die mit Fleiß, Zusammenhalt und Humor ihren Weg durchs Leben fanden.
Das Rammertweible
Die bekannteste Sage, wohl auch weil es zwischenzeitlich in einer Figur der hiesigen Narrenzunft mündete, ist die Geschichte vom Rammertweible. Dabei handelte es sich wohl um eine alte Frau, die im Rammert auf Kräuter- oder Beerensuche war. Sie wurde von den im Wald arbeitenden Dettinger Männer hin und wieder gesehen. Ging man jedoch auf sie zu oder versuchte sie anzusprechen, so ist sie immer spurlos verschwunden. Sie soll vor einem guten Jahrhundert letztmals den Männern im Wald begegnet sein.
Der Schatz im Schloß
Auf der alten Burg „Ehingen“, unweit von der Katzenbacher Ziegelhütte, soll ein Schatz vergraben sein. Vor langer Zeit ging ein Bauer aus Dettingen die Siebentäler hinauf. Als er an den Ruinen des Schlosses vorbeikam, begegneten ihm eine Frau und ein Mann. Die sprachen ihn an und baten ihn, mit ihnen zu gehen. Sie wollten ihm viel Geld geben, wenn er sie von einem Fluch erlöse. Der Bauer erschrak und erbat sich 8 Tage Bedenkzeit.
Er ging nach Hause und bereitet sich auf einen eventuellen Tod vor. Als er alles geregelt hatte, ging er wieder zum Schloss. Er ging in die Ruinen und fand eine Schatztruhe auf der ein Pudel lag. Den sollte er, um den Fluch zu lösen, von der Truhe herunterhauen. Gerade als er sich dem Hund näherte, fuhr dieser wütend auf ihn los. Der Bauer erschrak dermaßen, dass er sich nach Hause begab, sich hinlegte und verstarb.
Mahnung aus dem Jenseits
Im Jahr 1492 hatte die „Witwe Anna Karcher von Töttingen under Rotemberg der Burg“ an das Ewige Licht „40 und 2 Pfund Heller“ gestiftet. Nach alter Überlieferung müssen die Gläubigen am nachmittäglichen Allerseelengottesdienst laut ein „Vater unser“ für die Stifterin beten. Als man dies einmal unterlassen hatte, soll während des Gottesdienstes eine feurige Kugel über den Altar herabgefahren sein, die dann in den Bänken der versammelten Dettinger verschwunden sei. Die Dettinger sind überzeugt, dass dies eine Mahnung aus dem Jenseits gewesen sei.
Der Klageruf der Glocke
Von der ehemaligen großen Glocke auf dem Dettinger Kirchturm wurde berichtet, dass die Schweden sie mitgenommen haben um daraus Kanonen zu gießen. Beim Transport sollen die Schweden die Glocke im Brühl verloren haben. Die findigen Dettingen sollen sie wohl im „Wässerlesroa“, am Abstieg der heutigen Beguinenstraße, vergraben haben. Und dort verblieb sie bis zum Friedensschluss am Ende des 30jährigen Krieges. Während sie da vergraben lag, soll man immer wieder einen Klageruf gehört haben: „Hosanne, … en Dettinge mues e hange“. Der Klageruf soll erst verstummt sein, als sie wieder auf dem angestammten Platz im Kirchturm hing.