Alemannenzeit

Die Zeit der Römer endete in unserer Gegend um 259/60 nach Christus. Durch die innere Krise des römischen Reiches und kleinere, immer wieder vorkommende Angriffe der Alemannen auf den Limes, war der Niedergang des Grenzlandes unabdingbar. Die Römer gaben das sogenannte Dekumatland auf und rückten die militärische Grenze zurück an den Rhein und die Donau. Die Alemannen zogen plündernd durchs Land, an manchen Stellen ließen sie sich aber auch nieder und gründeten neue Siedlungen. So war es wohl auch in Dettingen. Dettingen, um 1275 noch mit Tetingen bezeichnet, weist auf die Zeit der alemannischen Landnahme. Der Name ist sehr wahrscheinlich vom altdeutschen Personennamen Tato oder Teto abgeleitet und kann als „Ort, der zu den Leuten oder Sippe des Teto gehört“ gedeutet werden. Die alten -ingen-Namen beziehen sich weniger auf die Örtlichkeit an sich, sondern vielmehr auf die den Ort bewohnenden Menschen. In unserem Fall also die Tato siedelnden Personen. Die Annahme, dass Dettingen zu den alemannischen Urdörfern gehört, wird durch zahlreiche Bodenfunde bestätigt.

Beim Neubau des ehemaligen Schulhauses, dem heutigen Rathaus, wurden im Jahr 1839 mehrere Steinplattengräber, im sogenannten Klausengarten gefunden. Alemannische Funde gab es auch im Jahr 1850 nördlich vom Dorf, in der Flur Pfingseggart.

Die Pfarrkirche von Dettingen ist dem Hl. Dionysius geweiht. Dieser war Bischof von Paris und wurde im Jahr 272 ermordet. Das Patronat der Dettinger Kirche verweist im Zusammenhang mit den alemannischen Gräbern, die beim Neubau der Kirche gefunden wurde, auf das Ende des 8. Jahrhunderts. Nur bis zu diesem Zeitpunkt war es wahrscheinlich möglich, frühe, christliche Kirchhöfe auf heidnischen Kultstätten zu errichten. Karl der Große verbot nämlich eine solche Zusammenlegung. Der Hl. Dionysius ist ein typischer Heiliger der Franken und seine Volkstümlichkeit stand der des Hl. Martin kaum nach.

Auch das Siedlungsbild von Dettingen weist auf eine alemannische Ortsgründung hin. Die Kirche steht auf einer erhöhten Lage, das Dorf selbst ist ein Haufendorf.

 

Funde beim Abbruch der Kirche

Die meisten Fundstücke wurden beim Abbruch der alten Kirche, im Jahr 1911, gefunden. Die Bergung der Funde wurde vom Heimatforscher Dr. Paradeis aus Rottenburg vorgenommen. Durch ihn gelangten die Funde ins Museum des Sülchgauer Altertumsvereins. Seinem Bericht zufolge wurden die Funde in drei aus Mörtel gemauerten Grüften ans Tageslicht gebracht. Diese Grüfte fanden sich im Bereich eines älteren Kirchenschiffes welches wesentlich kleiner als das abgerissene Kirchenschiff war. Der Boden dieses Kirchenschiffs befand sich 70 cm unter dem abgerissenen, gotischen Kirchenschiff. 1 Meter unterhalb dieses Bodens wurden die Grüfte aufgedeckt.

Bei Grab 1 handelte es sich um eine Grabkammer mit der Länge von 2,2 m, einer Breite von 0,67 m und einer Höhe von 0,8 m. Sie bestand aus kleinen, viereckigen, behauenen Muschelkalksteinen. Innen war die Kammer mit rohem Mörtel verputzt, dieser wiederum war rot gestrichen. Auf dem Boden fand Dr. Paradeis eine 2 cm dicke Laubschicht vor. Im Grab befanden sich die Skelette einer Frau und eines Kindes. Da die Skelette aber durcheinandergeworfen waren, ist davon auszugehen, dass das Grab schon mal geöffnet worden war. Es ist anzunehmen, dass die Beigaben, die gefunden wurden, nur noch einen Bruchteil der ursprünglichen Ausstattung darstellten.

Im Grab 1 fanden sich aber noch:

  • Eine silberne Haarnadel mit einer Länge von 13,1 cm. Sie hatte ein Oberteil, welches mit Goldblech überzogen war. Die Spitze war der Zeit entsprechend zurechtgefeilt.
  • „Ganz kleine Stückchen von getriebenem Silberblech, die noch an Lederpartikelchen hingen“. Leider sind diese nicht mehr auffindbar.
  • „Stark verrostete Überreste eines kleinen Klappmessers neben anderen verrosteten Eisenteilen“. Leider auch nicht mehr vorhanden.

Das Grab Nummer 2 war ganz aus römischen Spolien und aufgemauert mit „grauem Zement“. Die Grabkammer war 1,4 m lang und 0,65 m breit. Sie war mit einer großen Gesimsplatte abgedeckt. Auch dieses Grab war wohl schon mal geöffnet worden, schließlich fanden sich hier zwei Kinderskelette, die ebenfalls durcheinandergeworfen waren.

Außer den Skeletten fanden sich im Grab:

  • Ein goldener Fingerring mit antiker Karneolgemme. Bei Karneol handelt es sich um einen undurchsichtigen bis schwach durchscheinenden, zweifarbig rot-weiß bis orange-weißen Quarzstein, in faseriger Form. Seine feine, kristalline Struktur zeigt sich erst unter dem Mikroskop. Karneol dient ausschließlich zur Herstellung von Schmucksteinen. Die Gemme weist einfach darauf hin, dass der Stein geschnitten wurde.
  • Das Fragment eines einreihigen Dreilagenkammes. Drei Eisennieten halten den erhaltenen Rest des Kammes zusammen. Auf dem Rücken und der mittleren Verstärkungsrippe Ritzungen u. a. Zirkelschlagmuster
  • Das „Bruchstück eines kleinen eisernen Messerchens.“ Dieses ist leider verschollen.
  • „Verrostete unerkennbare Eisenteile“. Leider sind auch diese nicht mehr vorhanden.

Grab Nummer 3 besaß den gleichen Aufbau wie das erste Grab. Es war 2 m lang, 0,8 m breit und ebenso 0,8 m hoch. Die Grabkammer soll angeblich durch ein eingestürztes Gewölbe verschlossen gewesen sein. Dieses Grab fand Dr. Paradeis ungestört vor. Im Grab fand sich das Skelett eines Mannes.

An Beigaben fanden sich in diesem Grab:

  • Ein Sporenpaar aus Eisen mit reichem Besatz an vergoldeten Perlrandnieten. Weiterhin fanden sich umfangreiche Lederreste des Schuhwerks. Der Dorn ist an der Basis von einer 4 mm hohen Blechmanschette umgeben, die wiederum von Perldraht eingefasst war.
  • Eine Messerklinge
  • Das Bruchstück eines kleinen Messers.
  • Zwei Klappmesser in Eisenfutteralen, die aneinander gerostet waren.
  • Eine Eisenschnalle mit zwei bronzenen Perlrandnieten auf dem laschenförmigen Beschlag.
  • Eine eiserne Riemenzunge mit drei bronzenen Perlrandnieten.
  • Eisenrest, womöglich von einer Riemenzunge.
  • Gebogenes massives Eisenfragment, ein Feuerstahl? Dies kann nicht als gesichert angesehen werden.
  • Weitere unbestimmbare Eisenfragmente.
  • Ein einreihiger Beinkamm. Einreihiger eisenvernieteter Dreilagenkamm mit kreuzweise gekerbtem Rücken und linearer Verzierung der Verstärkungsrippen.

Bei den im ersten Grab bestatteten Personen handelt es sich um eine Frau und ein Kind – wahrscheinlich ein Knabe – wie die Beigaben zeigen. Der Haarpfeil war immer ein Attribut einer Frauentracht, das gefundene Klappmesser auch immer in Teil der Männerausstattung. Aufgrund dessen, dass die Grabkammer eine eher geringe Größe hat, dürften bei Personen nacheinander eingebracht worden sein. Aufgrund der Länge der Kammer ist zu schließen, dass die Frau zuerst beigesetzt wurde.

Auch das zweite Grab war doppelt belegt. Das Geschlecht der beiden Kinder, die hier beigesetzt wurden, lässt sich allerdings nicht mehr bestimmen. Der gefundene Fingerring dürfte auf ein Mädchen hindeuten. Andererseits fanden sich Fingerringe auch bei Knaben vor, vor allem dann, wenn es sich um Gräber reicher Bewohner handelte. Ganz anders die Situation in Grab drei. Hier wurde eindeutig ein Mann bestattet.

Es ist anzunehmen, dass die Toten in einem kurzen Zeitraum, maximal einer Generation, beigesetzt wurden. Aufgrund der Beigaben geht man davon aus, dass dies in den zwei bis drei Jahrzehnten um 700 n. Chr. geschehen sein muss. Erst ab diesem Zeitraum setzt sich nämlich der Brauch durch, Sporen an beiden Fersen und nicht nur am linken Fuß zu tragen. Auch Futterale aus Eisen, mit Klappmessern, wie sieht gefunden wurden, kommen erst um diese Zeit auf. Auch die Kämme aus den Gräbern 2 und 3 sind auf diese Zeit datierbar.

Leider sind die Grabbeigaben nur noch in Teilen vorhanden bzw. konnten nur so ausgegraben werden. Vor allem bei Grab 1 und 2 könnten Grabräuber die Ursache sein. Beim 3. Grab könnte eine Änderung des Bestattungsbrauchs verantwortlich sein für das Fehlen jeglicher Waffen. Trotzdem zeigen die vorhanden Grabbeigaben, dass die bestatteten Personen einer sehr reichen Familie angehörten. Und zwar war der Reichtum so groß, dass solche Personen nicht an jedem Ort anzutreffen waren. Da es sich in Dettingen wohl um die soziale Einheit einer Familie handelte, so darf man ihr wohl auch einen adelsähnlichen Status zuschreiben.

Lage der Kirche

Auch der Bestattungsplatz unterhalb einer mittelalterlichen Kirche dürfte kein Zufall sein. Vielmehr ist davon auszugehen, dass die Bestattungen schon in einem Kirchengebäude stattfanden. Aufgrund der Funde von Dr. Paradeis kann diese Annahme nicht getätigt werden. Neuere Grabungen an anderen Orten zeigen aber, dass solche Zusammenhänge zwischen Bestattungsplatz und Kirche durchaus bestehen. Fast drei von vier Fundorten mit solchen Grabinventaren gehören der exzellenten Grabausstattungsgruppe wie in Dettingen an. Betrachtet man die Grabausstattungen von Reihengräbern aus dem gleichen Zeitraum, so findet man diese hervorragende Qualität nur bei 5% der Gräber. Die Gruppe der Gräber in Dettingen sind definitiv nicht zu vergleichen mit Reihengräberfeldern, man kann deshalb nicht mehr von einem Zufall sprechen, vielmehr ist ein ursächlicher Zusammenhang vorhanden.

Ein Augenmerk muss noch auf die Bauweise der Gräber gerichtet werden. Alle drei Grabkammern sind in Mörtelmauertechnik ausgeführt. Das erfordert aber auch das Wissen, Mörtel anzurichten und das Bedürfnis nach festen Gebäuden. Solche Grabbauten im Zusammenhang mit den Grabbeigaben sind sehr selten. Und nur in ganz wenigen Fällen findet sich die Grabkammer in einem engen Bezug zu einem Kirchenbau. Es darf also ruhig angenommen werden, dass im ausgehenden 7. Jahrhundert hier nicht nur eine Kirche errichtet wurde, sondern vielmehr diese Kirche auch aus gemauertem Stein bestand. Zur Bestätigung können hierzu ruhig die Schuhreste aus dem 3. Grab herangezogen werden. Dieses Grab war nicht der üblichen Verwitterung eines Reihengräberfeldes ausgesetzt und nur deshalb konnten so umfangreiche Lederreste gefunden werden.

Schaut man auf den Ortsplan von Dettingen, so zeigt sich, dass die Kirche nicht irgendwo, sondern wohl ganz bewusst an diesem Punkt erbaut wurde. Betrachtet man sich nämlich die Landschaft genau, so stellt man fest, dass diese Kirche auf einem Hügel steht, der von Ost nach West ausläuft und den Ort um 15 m überragt. Es ist davon auszugehen, dass sich in der Nähe der Kirche, ebenfalls auf dem Hügel, der ehemalige Herrenhof befunden hat. Mit Sicherheit wurden Kirche und Herrenhof aufgrund der strategisch guten Lage hier erbaut.

Funde in neuerer Zeit

Ein zufälliges Ereignis bescherte die letzten alemannischen Funde. Beim Austausch eines Zaunpfostens in der Flur „Im Schieding“, ca. 500 m nordwestlich der Kirche, wurde im Jahr 1985 ein Männergrab angeschnitten. Hier fanden sich die folgenden Grabbeigaben:

  • Ein Breitsax, dabei geringe Holzreste an der Griffangel
  • Griffzwinge aus übereinandergeschlagenem, mit Kupferlot verbundenem Eisenband
  • Ein fragmentierter eiserner Tragebügel mit breiten Nietenplatten
  • Eine Lanze aus Eisen, lanzettförmiges Blatt mit facettiertem Ansatz und vierkantiger Tülle
  • Ein Messer aus Eisen
  • Eine mehrteilige Gürtelgarnitur aus Eisen, silberplattierte und -tauschiert
  • Ein Schnallenbeschlag
  • Der Bügel einer Schnalle
  • Ein Gegenbeschlag mit drei Eisennieten
  • Eine Riemenzunge

Auch dieses Grab wurde aufgrund der Funde in die frühe 2. Hälfte des 7. Jahrhunderts datiert. Ob es sich bei dem Grab um den Teil eines größeren Gräberfeldes oder aber einer kleinen Hofgrablege handelt, konnte bisher nicht ermittelt werden. Weitere Funde sind aus diesem Bereich bisher nicht bekannt.