Vom Armenhaus des Oberamts zum Industriestandort: Der wirtschaftliche Strukturwandel in Dettingen bei Rottenburg

Demografische Entwicklung im Zeitalter der Industrialisierung (1900–1945)

Der industrielle Aufstieg Dettingens veränderte nicht nur die Wirtschaftsstruktur, sondern hinterließ auch deutliche Spuren in der Bevölkerungsstatistik. Im späten 19. Jahrhundert, um das Jahr 1875, lag die Einwohnerzahl der Gemeinde noch bei rund 1.000 Personen. In den darauffolgenden Jahrzehnten erlebte der Ort jedoch eine spürbare demografische Talsohle. Die anhaltende Ertragsschwäche der kargen Keuperböden zwang viele junge Menschen zur Abwanderung in größere Städte. Bis zum Jahr 1900 sank die Bevölkerungszahl dadurch ab.

Mit dem Einzug der Textilindustrie (Korsettweberei ab 1873, Bademodenfabrik Heinzelmann ab 1903/04) stabilisierte sich die Lage wieder. Der neue Wirtschaftszweig bot dringend benötigte Arbeitsplätze direkt vor Ort. Der Erste Weltkrieg (1914–1918) und die darauf folgenden Krisenjahre der Weimarer Republik dämpften das Wachstum jedoch erneut. Bis zum Jahr 1928 sank die Einwohnerzahl auf 778 Personen, die weiterhin ausnahmslos katholisch getauft waren. Erst in den 1930er Jahren und im Zuge der Konsolidierung der Textilbetriebe (wie der Übernahme durch die Firma Molfender im Jahr 1937) sowie der administrativen Eingliederung in den Landkreis Tübingen im Jahr 1938 erholte sich die Bevölkerungszahl leicht und stieg bis zum Vorabend des Zweiten Weltkriegs im Jahr 1939 wieder auf rund 820 Einwohner an.

Die Agonie der traditionellen Landwirtschaft: Geologische und strukturelle Barrieren

Zu Beginn des vergangenen 20. Jahrhunderts galt die Gemeinde Dettingen im landwirtschaftlich ohnehin nicht verwöhnten Oberamt Rottenburg als das unangefochtene Armenhaus. Diese prekäre sozioökonomische Einstufung war kein Resultat mangelnden Fleißes der ansässigen Bevölkerung, sondern primär das direkte Ergebnis unbarmherziger geologischer Gesetzmäßigkeiten. Die Gemarkung Dettingens ist maßgeblich durch die Formationen des mittleren Keupers geprägt. Diese spezifischen Keuperböden weisen eine extrem dichte, tonige Struktur auf, die zu starker Staunässe neigt. In den feuchten Frühlings- und Herbstmonaten verwandelten sich die Äcker in schwer zu bearbeitende, klebrige Massen; in trockenen Sommern hingegen backte das Substrat steinhart zusammen. Eine kontinuierliche, ertragreiche Bewirtschaftung und eine verlässliche Nahrungsmittelproduktion für die Dorfgemeinschaft waren unter diesen Bedingungen kaum zu realisieren.

Zu den naturräumlichen Nachteilen gesellten sich im Laufe der Jahrzehnte gravierende hausgemachte Strukturmängel, welche den schleichenden Niedergang der lokalen Agrarwirtschaft forcierten. Ein Hauptübel stellte die historisch gewachsene Realteilung dar. Über Generationen hinweg war der Grundbesitz unter den Erben immer weiter aufgeteilt worden, was zu einer extremen Flurzersplitterung führte. Die Bauern besaßen oft Dutzende winziger, weit verstreut liegender Parzellen, deren wirtschaftliche Bearbeitung mit enormen Wegen und Zeitverlusten verbunden war. Zudem spiegelte der historische Ortskern die Enge der Verhältnisse wider: Die Hofreiten waren dicht aneinander gedrängt, und die Ställe boten weder Platz für eine artgerechte Modernisierung noch für eine Aufstockung der Viehbestände.

Diese Kombination aus kargen Böden und logistischen Blockaden führte dazu, dass die Landwirtschaft nach dem Zweiten Weltkrieg zunehmend an Rentabilität verlor. Die Betriebe konnten im Haupterwerb keine Familie mehr ernähren und wurden sukzessive in den Nebenerwerb gedrängt. Ab Mitte der 1980er Jahre beschleunigte sich das Höfesterben dramatisch; eine Hofaufgabe folgte auf die nächste. In der Gegenwart ist die klassische bäuerliche Struktur in Dettingen praktisch vollständig erloschen. Die gesamte verbliebene landwirtschaftliche Nutzfläche wird heute nur noch von einer sehr kleinen Anzahl an Landwirten im Nebenerwerb bewirtschaftet, die vornehmlich großflächigen Ackerbau betreiben. Die einst für das Dorfbild so charakteristische Nutztierhaltung, insbesondere die Rinder- und Schweinehaltung in den dörflichen Ställen, ist völlig zum Erliegen gekommen. Lediglich die private Haltung einiger weniger Hühner erinnert heute noch rudimentär an die agrarische Vergangenheit des Ortes.

Der Aufstieg und Fall der Dettinger Textilindustrie: Ein industrielles Jahrhundert

Der Ausweg aus der chronischen ländlichen Armut zeichnete sich für Dettingen bereits in der Phase vor dem Ersten Weltkrieg ab, als die Industrialisierung verzögert, aber kraftvoll Einzug in das Neckartal hielt. Als Schrittmacher fungierte hierbei ausnahmslos die Textilindustrie, die billige Arbeitskräfte im strukturschwachen ländlichen Raum suchte. Erste industrielle Keimzellen lassen sich bis in das späte 19. Jahrhundert zurückverfolgen. Bereits im Jahr 1873 wird ein markantes „Fabrikgebäude an der Staig“ in den Quellen offiziell erwähnt. Dieses Gebäude beherbergte bis zur Jahrhundertwende um 1900 eine Korsettweberei, die den Frauen des Dorfes erstmals eine Möglichkeit zum dauerhaften Werklohn abseits der Feldarbeit bot und die sozioökonomische Unabhängigkeit innerhalb der Familien stärkte.

Der eigentliche Durchbruch zum Industriestandort vollzog sich jedoch in den Jahren 1903 und 1904. Die renommierte Bademodenfabrik Heinzelmann, die ihren Hauptsitz im industriell hochentwickelten Reutlingen hatte, erkannte das Potenzial des Standorts und errichtet in Dettingen einen Filialbetrieb. Diese Ansiedlung entwickelte sich rasch zum mit Abstand größten und einflussreichsten Industriebetrieb des gesamten Ortes. Der wirtschaftliche Erfolg war so durchschlagend, dass die firma Heinzelmann noch vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs, im Zuge des rasanten Wachstums, eine eigene, großzügige Werksanlage konzipierte und baute. Dieser monumentale Backsteinbau, der von einem weithin sichtbaren, hohen Fabrikschornstein überragt wurde, prägte über Generationen hinweg das architektonische Gesicht des östlichen Ortsrandes und symbolisierte den unaufhaltsamen Einzug der Moderne.

Parallel dazu etablierte sich ein weiteres textiles Zentrum im Gebäude in der Hechinger Straße 132. Der im Jahr 1908 errichtete Komplex entwickelte sich zu einer Art industriellem Bienenkorb, in dem sich fast ununterbrochen Filialen namhafter auswärtiger Textilunternehmen abwechselten. Bis um 1933 nutzte die bekannte Pfullinger Strumpfstrickerei Spießhofer die Räumlichkeiten für die landwirtschaftliche Nebenerwerbsproduktion von Massentextilien, ehe sie sich im Zuge der Weltwirtschaftskrise zurückzog. Ab 1937 übernahm die Reutlinger Firma Molfender den Standort und führte ihn durch die schwierigen Jahre des Zweiten Weltkriegs. In den ersten Jahren nach dem Krieg floriert die Nachfrage nach Textilien wieder sprunghaft, weshalb das Gebäude in den Jahren 1947/1948 baulich um ein komplettes Stockwerk erweitert und aufgestockt wurde. Schließlich hauchte ab 1957 die Strickwarenfabrik Clara Diehl aus Trossingen dem Gebäude im Zuge des Wirtschaftswunders neues Leben ein.

Auch in den darauffolgenden Nachkriegsjahrzehnten blieb Dettingen ein Magnet für die Textil- und Wirkwarenproduktion. Im Jahr 1969 erreichte die Branche ihren technologischen Zenit im Dorf: Die Strickerei und Wirkerei Alfred Beck errichtete einen ambitionierten Neubau in der Hechinger Straße, um innovative Verbundstoffe nach dem sogenannten Bonding-Verfahren – einer Technologie zur dauerhaften thermischen Verschmelzung verschiedener Textilschichten – zu fertigen. Zeitgleich nutzte die Charmeuse-Wirkwarenfabrik Adolf Letzgus den Standort, um hochwertige Perlonstoffe herzustellen, die direkt vor Ort teilweise auch konfektioniert wurden. Abgerundet wurde dieses textile Ökosystem durch einen Filialbetrieb der bekannten Strickwarenfabrik Hans Speidel.

Dieses goldene Zeitalter der Textilindustrie fand jedoch ab den späten 1970er und 1980er Jahren ein jähes Ende. Der einsetzende globale Wettbewerb und der massive Import billiger Textilien aus Fernost läuteten den strukturellen Niedergang der Textilbranche in ganz Süddeutschland ein. Dettingen wurde von dieser Strukturkrise mit voller Härte getroffen. Ein Betrieb nach dem anderen geriet in Schieflage und musste schließlich die Werkstore für immer schließen. Die großen Werkshallen verloren ihre ursprüngliche Funktion, und ein prägendes Kapitel der Dettinger Wirtschaftsgeschichte ging unwiderruflich zu Ende.

Der Bauboom der Nachkriegszeit: Das Großunternehmen H. & K. Hermann

Neben der Textilfertigung entwickelte sich in der Mitte des 20. Jahrhunderts ein weiteres, völlig konträres wirtschaftliches Standbein im Ort, das eng mit dem Wiederaufbau und dem Boom der Infrastruktur in der Bundesrepublik verknüpft war. Im Jahr 1952 gründeten die Unternehmer H. & K. Hermann ein Tief- und Straßenbauunternehmen, das innerhalb kürzester Zeit zu einer regionalen Großmacht im Baugewerbe heranwuchs. In den Hochzeiten des Betriebs beschäftigte das Unternehmen rund 200 Arbeitnehmer, womit es zeitweise zum bedeutendsten Arbeitgeber und Steuerzahler der Gemeinde avancierte.

Die logistische Infrastruktur des Unternehmens war beeindruckend und weitläufig über die Dettinger Gemarkung verteilt. Westlich des Dorfes, auf der sogenannten „Unhalde“, erwarb die Firma von der Gemeinde ein weitläufiges Areal, das einen eigenen Steinbruch umfasste. Hier bauten die Arbeiter das begehrte Gesteinsmaterial direkt ab, das vor Ort in einem eigens errichteten, modernen Frischbeton- und Asphaltwerk zu Baumaterialien für den Straßenbau weiterverarbeitet wurde. Zum Firmenimperium gehörten darüber hinaus eine große, spezialisierte Reparaturwerkstatt für den umfangreichen Fuhrpark und die schweren Baumaschinen in der Ofterdinger Straße sowie ein zentraler Bauhof in der Max-Heinzelmann-Straße. Die firma H. & K. Hermann war weit über die Grenzen des Landkreises hinaus bekannt. Sie akquirierte und bearbeitete erfolgreich sowohl kommunale Kleinaufträge als auch logistisch hochkomplexe Großprojekte im gesamten südwestdeutschen Raum, ehe sich auch im Baugewerbe die Marktstrukturen durch Konzentrationsprozesse drastisch veränderten.

Das Dettinger Handwerk: Spezialisierung, Wandel und die Gegenwart

Abseits der Großindustrie bildete ein solides, innovatives Handwerk das verlässliche Fundament der dörflichen Wirtschaft. Viele dieser Betriebe zeichneten sich durch eine faszinierende evolutionäre Anpassungsfähigkeit aus. Ein Musterbeispiel hierfür ist die Stielfabrik Gebr. Beck. Ihre Wurzeln reichten tief in das frühe 19. Jahrhundert zurück, als der Betrieb als traditionelle Fassbinderei (Küferei) für den lokalen Wein- und Mostbedarf gegründet worden war. Mit dem Wandel der Nachfrage und dem Rückgang des Weinbaus spezialisierte sich das Unternehmen erfolgreich auf die industrielle Fertigung von Holzstielen für Werkzeuge und Geräte.

Ein weiterer Eckpfeiler des dörflichen Handwerks war die weit über die Ortsgrenzen hinaus geschätzte Schreinerei Schramm. Der Betrieb hatte sich auf die handwerkliche Herstellung hochwertiger Wohn- und Küchenmöbel spezialisiert. Ein weiteres wichtiges Standbein waren anspruchsvolle Innenausbauarbeiten, wie das Verlegen von edlen Holzböden und das Einziehen von Holzdecken. Nach dem verdienten Rückzug des Firmengründers führten dessen Söhne Josef, Kurt und Erich den Familienbetrieb mit handwerklicher Präzision und unternehmerischem Weitblick fort.

Eine bemerkenswerte Metamorphose durchlief auch die Schmiedewerkstatt von Peter Schaupp, die seit 1950 im Dorf ansässig war. Ursprünglich als klassische Dorfschmiede gegründet, die sich auf den Bau und die Reparatur landwirtschaftlicher Geräte konzentrierte, entwickelte sich der Betrieb rasch zum technischen Dienstleistungszentrum des Ortes. Peter Schaupp betrieb hier nicht nur die einzige Tankstelle Dettingens, sondern etablierte die Werkstatt auch als offiziellen Stützpunkt, an dem der TÜV in regelmäßigen Abständen die gesetzlichen Prüfungen für die landwirtschaftlichen Fahrzeuge der Dettinger Bauern durchführte. Sogar der Verkauf und die Reparatur von Fahrrädern gehörten zum Portfolio. Mit dem Generationswechsel und der offiziellen Geschäftsübernahme durch die Söhne Michael und Stefan vollzog das Unternehmen den radikalen Sprung in die Moderne: Die alte Schmiede verwandelte sich in einen hochmodernen, wettbewerbsfähigen Stahlbaubetrieb.

Nachhaltigen Erfolg verbuchen bis in die heutige Zeit die Gebrüder Letzgus im Bereich des Fensterbaus. Bereits im Jahr 1957 bezog das florierende Unternehmen einen eigens konzipierten Produktionsneubau im Härlesweg, der im Laufe der Jahre kontinuierlich an die modernen energetischen und technischen Standards im Fenster- und Fassadenbau angepasst wurde.

Betrachtet man die wirtschaftliche Struktur Dettingens in der Gegenwart, so hat sich das Bild im Vergleich zum industriellen Zeitalter des 20. Jahrhunderts grundlegend gewandelt. An größeren, traditionsreichen Betrieben ist heute im Wesentlichen noch die renommierte Autowerkstatt Eberle im Ortsbild präsent. Ansonsten spiegelt das Dorf den allgemeinen Strukturwandel wider: Das wirtschaftliche Leben wird heute fast ausschließlich von einer Vielzahl an Klein- und Kleinstbetrieben getragen. Diese haben sich vor allem im modernen Dienstleistungssektor, in spezialisierten Nischen des Handwerks oder im Bereich der Informationstechnologie erfolgreich etabliert oder wurden von jungen Gründern neu ins Leben gerufen. Dass das Wachstum im Ort jedoch engen Grenzen unterworfen ist, zeigt das Schicksal der Firma Kanal Beck. Aufgrund eines akuten Mangels an geeigneten industriellen Erweiterungsflächen innerhalb der Dettinger Gemarkung sah sich das florierende Unternehmen schließlich gezwungen, seinen gesamten Standort und die Arbeitsplätze nach auswärts zu verlegen – ein deutliches Signal für die anhaltenden strukturellen Herausforderungen der Gemeinde.