Der Krieg beginnt

Mit der Zeit kam im Dorf immer mehr die Furcht und die Angst auf vor einem bevorstehenden Krieg. Alle Gruppierungen der NSDAP wurden auf Krieg getrimmt und die Infrastruktur wurde entsprechend angepasst. Im Reich wurden unzählige Autobahnen wurden gebaut und die Rüstungsindustrie lief auf Hochtouren. Mit den Waffenschmieden in Oberndorf am Neckar saßen die Produzenten ja nicht weit weg von Dettingen.

Trotzdem waren die Dettingerinnen und Dettinger geschockt, als am 1. September 1939 mit dem Einmarsch in Polen der Krieg begann. Freiwillig zog aus dem Dorf niemand in den Krieg, nur die Berufssoldaten mussten gleich in den Einsatz. Wurden zu Beginn die Erfolge der Blitzkriege noch wohlwollend zur Kenntnis genommen, so änderte sich die Stimmung mit den ersten Toten schlagartig.

Emil Fischer war der erste aus Dettingen für den die Totenglocken läuteten. Er starb schon während seiner Ausbildung zum Soldaten. Mit Heinrich Schaupp folgte schon bald der erste Tote auf dem Feld. Er fand am 11. Juni bei der Schlacht von Marne, in Frankreich, seinen „Heldentod“. Er starb für Führer, Volk und Vaterland im Alter von 23 Jahren. Plötzlich ging ein Beben durch den Ort, auch weil viele mit dem Toten verwandt oder befreundet waren. Fortan wurden gefallene Soldaten am Sonntag in der Kirche von Pfarrer Kottmann verkündet. Die Kirche war voller schwarz gekleideter Gläubigen. War aus dem Ort jemand verstorben, so wurde in der Kirche in der Regel nicht gesungen. Aber weil die Stimmung so bedrückend war, sorgte Pfarrer Kottmann dafür, dass trotzdem Lieder erklangen. 

Mit Beklemmen schaute man auch auf den Postboten. Denn immer dann, wenn ein Brief ankam, hatten die Leute Angst, dass die Nachricht vom Tod eines Angehörigen übermittelt wurde.

Mit der Fortdauer des Krieges wurden immer mehr Männer zur Wehrmacht einberufen. Die meisten der Männer waren vorher nie Soldat gewesen und hatten keine Ahnung vom Krieg. In einem kurzen Lehrgang wurden sie auf den Krieg vorbereitet. Die Ausbildung dauerte meist, je nach Waffengattung, zwischen 6 und 15 Wochen. Dabei fand die Ausbildung entweder in einer Kaserne oder aber auch schon am künftigen Einsatzort statt. Wie auch immer, die Männer waren der Meinung, dass sie nicht richtig auf das Leben als Soldat vorbereitet wurden. Das zeigte sich später auch auf dem Schlachtfeld, als viele Soldaten einfach „abgemäht“ wurden. Die letzten Dettinger die einberufen wurden, waren gerade einmal 16 Jahre alt und frisch aus der Schule. Nur wenige konnten sich der Einberufung entziehen. Entweder waren dies alte und gebrechliche Männer oder gute Freunde der örtlichen Nazi-Größen.

Auch wenn der Krieg nicht direkt in Dettingen tobte, so bekam man das Geschehen doch leibhaftig mit. Täglich mussten während der Nachtstunden die Häuser verdunkelt werden. Damit sollte unterbunden werden, dass sich die Besatzungen feindlicher Flugzeuge an der Beleuchtung markanter Straßenzüge orientieren konnten. So wurde also auch verhindert, dass die Ziele leicht aufgefunden werden konnten. Die Uhrzeiten der Verdunkelung wurden in der Tagespresse mitgeteilt. Man konnte sich der Verdunkelung nicht entziehen, denn es drohten harte Strafen. In der Zeit der Verdunkelung war es nicht mal gestattet, auf der Straße eine Zigarette zu rauchen.

Zu allen Tages- und Nachtzeiten gab es auch immer wieder Fliegeralarm. Dies war besonders schlimm, wenn man gerade bei der Feldarbeit war. Es gab damals ja noch keine Traktoren, die Feldarbeit wurde mit Gespannen durchgeführt und meistens wurde der Pflug von zwei Kühen gezogen. Also musste man schnell ausspannen und schauen, dass man mit den Tieren in den Schutz eines Baumes kam. Die Flugzeuge flogen zum Teil so tief, dass sie sogar den auf dem Feld arbeitenden Leuten zugewunken haben. War man während eines Fliegeralarms zuhause, dann musste man den Keller aufsuchen. Hatte man keinen Keller, so flüchtete man in den Keller des Nachbarn oder suchte Schutz im Keller des Pfarrhauses.

Die feindlichen Flieger warfen ihre Bomben auf Stuttgart, München und andere deutsche Großstädte. Für diese langen Strecken wurden an den Flugzeugen Zusatztanks angebracht, die auf dem Rückflug, auch weil die Flugzeuge dann leichter waren, einfach abgeworfen wurden. Einer dieser Tanks traf ein Doppelhaus in der Pfarrer-Uhl-Straße. Die Bewohner konnten fast geschlossen die Häuser verlassen, nur die älteste Bewohnerin war noch im Haus, auf der Suche nach ihrem Sohn, der allerdings schon in Sicherheit war. Sie konnte aber den Flammen in allerletzter Minute entkommen, und zwar deshalb, weil die Keller der beiden Häuser zufällig durch eine Tür verbunden waren und man aus dem anderen Haus zu dem Zeitpunkt noch leicht der Flammenhölle entkommen konnte.

Einen Toten hatte man auch in Dettingen direkt zu beklagen. Reinhold Lorch war bei der Luftwaffe eingesetzt. Weil seine Mutter Geburtstag hatte, drehte er ihr zu Ehren mit dem Flugzeug einige Runden über Dettingen. Leider endete sein Flug auch in Dettingen, er stürzte mit dem Flugzeug ab und kam dabei leider zu Tode.

Das Leben ändert sich 

Bei der täglichen Arbeit änderte sich auch einiges. Weil die Männer im Krieg waren, mussten die Frauen die Landwirtschaft selbst bewirtschaften. Gab es im Haushalt gar keine Männer mehr, so eilte Pfarrer Kottmann zur Hilfe. Er half in der Landwirtschaft mit und war sich auch nicht zu schade, die schweren Getreidesäcke auf die Dachböden zu tragen. Mit der Zeit wurden auch Gefangene, vor allem aus Polen, als Erntehelfer und Mägde eingesetzt. Die Unterstützung durch Landarbeiter konnte man im Rathaus beantragen. Der Schultheiß wies einem dann die beantragten Landarbeiter zu. Max Maksimowitsch war ein ehemaliger Gefangener, der in Dettingen hängen blieb. Er war als Erntehelfer eingesetzt, fand in Dettingen seine Frau und gründete hier eine Familie. Nach dem Krieg arbeitete er in der Stielfabrik und war im Ort voll integriert. Im Übrigen gab es während der Kriegstage im Dorf auch Flüchtlinge aus anderen Gegenden Deutschlands. Sie wurden in Häusern einquartiert, in denen es noch Platz gab oder die leer standen.

Der Haupterwerbszweig der Dettinger war die Landwirtschaft. Somit gab es für die meisten Bewohnerinnen und Bewohner fast immer genügend zu essen. Für die, die keine Landwirtschaft hatten oder auch für die Flüchtlinge, wurden Lebensmittelkarten ausgeteilt. Später kam noch eine Reichskleiderkarte hinzu. Die Karten wurden vom Bürgermeisteramt ausgegeben. Die Lebensmittelkarte galt anfangs vier Wochen. Der Händler konnte frei gewählt werden. An den Karten waren Bestellscheine für bestimmte Waren. Diese wurden vom Händler abgetrennt und beim Ernährungsamt eingereicht. Dafür erhielt er dann vom Amt einen Bezugsschein, mit dem der Händler eine entsprechende Menge bei seinem Großhändler ordern konnte. Da dieses System zu umständlich war, wurde es im Lauf der Zeit organisatorisch überarbeitet. Die „Einheitskarte“ wurde später durch weitere Karten ergänzt. Es gab bald Brot-, Fleisch-, Fett-, Eier- und Zuckerkarten. 

Da die Dettinger auf dem Land lebten und die meisten sich selbst versorgen konnten, fielen hier die Rationen bei der Zuteilung geringer aus. Vielmehr musste man von den selbst erzeugten Produkten sogar noch anteilig abliefern, wenn man mehr produzierte als man verbrauchen konnte. So wurde registriert wie viele Hühner in einem Haushalt lebten. Für jedes Huhn war „vorgeschrieben“ wie viele Eier es zu legen hatte! Davon musste ein Teil auf dem Rathaus angeliefert werden. Ebenso verhielt es sich beim Fleisch. Das Gewicht der Schweine wurde beim Schlachten vom Fleischbeschauer geschätzt. Ein Teil des Fleisches musste dann auch abgeliefert werden. Aus diesem Grund wurde natürlich auch gemogelt, wo es nur ging. So wurde beispielsweise nie die richtige Zahl an Hühnern gemeldet, um die Menge an abzuliefernden Eiern reduzieren zu können. Die Anzahl der Hühner wurde aber auch nie kontrolliert, so war das Schummeln leicht zu bewerkstelligen.

Da man nie alles kaufen konnte, musste man auch „schmieren“, um an die gewünschten Waren zu kommen. Der Schwarz- und der Tauschmarkt blühte auch im kleinen Dettingen.

Gegen Kriegsende waren zeitweise auch gefangene russische Soldaten in Dettingen untergebracht. In der Scheune von Albert Sauter wurden sie von den deutschen Soldaten eingesperrt. Die Bevölkerung versorgte sie mit Wasser, Brot und rohen Kartoffeln, die auch so roh von ihnen verzehrt wurden. Der Hunger sorgte dafür. Einem von ihnen gelang die Flucht ins Haus, wo er sich ein Stück Speck stehlen wollte. Dafür wurde er von den deutschen Soldaten mit Schlägen ihrer Gewehrkolben aufs Heftigste bestraft.

Die Zeit verging und die Front rückte immer näher. Man hörte schaurige Geschichten von dem Treiben der französischen Besatzer aus anderen Regionen. Morde, Verschleppungen und Vergewaltigungen wurden ihnen nachgesagt. Und so bereitete man sich in Dettingen auf das nahende Kriegsende vor. Rinder, Schweine, Hühner und mehr wurden geschlachtet, das Fleisch haltbar gemacht und versteckt. In Richtung Bodelshausen, Hirrlingen und Rottenburg wurden Panzersperren aufgestellt, diese wurden aber heimlich des Nachts wieder von Kriegsgegnern entfernt und zerstört.

Das Kriegsende naht

Mit dem Näherkommen der Franzosen stieg auch die Angst bei den Einwohnern. Wie würden die Besatzer sich verhalten? Was würde passieren? Aus den Geschichten von heimgekehrten Kriegsversehrten wusste man ja, wie sich die deutschen Soldaten in Russland und anderen Ländern verhalten hatten.

Am 23. April 1944 war es dann so weit. Panzerspähwagen und Jeeps fuhren in Dettingen ein. Die Franzosen besetzten das Rathaus und richteten dort ihre Kommandantur ein. Es folgten ein paar hundert Soldaten, von denen ein Teil jedoch bald nach Hemmendorf weiterzog. In der Hemmendorfer-Straße, bei dem ehemaligen Haus von Otto Rigger, wurde eine Feldküche aufgebaut.

Beim Einmarsch trafen die Franzosen noch auf einige letzte deutsche Soldaten des Volkssturms. Es kam zu einer Schießerei im Verlauf derer die Scheune von Johannes Schramm, in der Hechinger Straße, in Brand gesetzt wurde. Die deutschen Soldaten versteckten sich oder flüchteten in den Wald. Die Franzosen durchsuchten die Umgebung und die Häuser nach den versprengten Soldaten. Ungefähr 200 wurden entdeckt und gefangen genommen. Sie wurden in der Scheuer neben dem Rathaus eingesperrt und kamen später in die Gefangenschaft nach Frankreich. Solange sie in der Scheuer untergebracht waren, wurden sie von den Dettingern mit Lebensmitteln und Wasser versorgt. 

Auf Anordnung der Kommandantur waren Waffen und Fotoapparate abzuliefern. Auch Hühner, Gänse, Fleisch und sogar Bettwäsche sollten abgeliefert werden. Bei Nichtbefolgung der Anweisung sollten 3 bis 4 Männer des Dorfes erschossen werden. 

In einigen Häusern ließen sich die Soldaten auch häuslich nieder. In einem Fall klauten sie die Hühner bei Martin Sauter und ließen sich diese dann von der Nachbarin, Veronika Kesselring, zubereiten. Währenddessen legten sich zwei der Soldaten mitsamt den Schuhen ins Bett der Familie. Im Haus von Anton Beck waren Offiziere der Franzosen untergebracht. Auch hier lagen sie mit den Schuhen im Bett. Die Töchter des Hauses sollten für die Franzosen Most aus dem Keller holen. Die jungen Frauen aber hatten Angst vor den Franzosen und flüchteten durchs Fenster in das nahegelegene Schwesternhaus.

 Da abends Ausgehverbot herrschte, verließ einer der Offiziere nachts heimlich die Unterkunft, um sich mit weiblichen Flüchtlingen zu vergnügen. Ob es beim Umgang der Franzosen mit den weiblichen Flüchtlingen wirklich zu Vergewaltigungen kam, wie gemunkelt wird, ist nicht gesichert. Beim Verlassen des Hauses stieß dieser Offizier jedoch jedes Mal den Holzstapel um, den er zum Aus- bzw. Einstieg benutzte. Der Stapel musste dann anderntags immer wieder aufgeschichtet werden.

Um etwaigen Vergewaltigungen vorzubeugen, wurden den jungen Mädchen und Frauen verboten, das Haus zu verlassen, nicht mal rauszuschauen sollten sie. Außerdem wurde ihr Aussehen auf alt getrimmt, die französischen Soldaten sollten nicht in Versuchung gebracht werden. Aus Angst vor Vergewaltigungen flüchteten einige der Mädchen und Frauen ins Pfarrhaus. Ein Versuch der Franzosen das Pfarrhaus zu betreten, wurde von Pfarrer Kottmann mit einem Stock abgewehrt. Im Pfarrhaus hatte der Pfarrer wohl auch einem jungen Soldaten des Volkssturms Unterschlupf gewährt. Die Franzosen bekamen Wind davon und verhafteten Pfarrer Kottmann. Der Pfarrer musste von morgens 9 Uhr bis abends um 18 Uhr vor dem Pfarrhaus stehen. Als Hans Kies, der Wirt vom Rössle, von der Gefangennahme erfuhr, sprach er bei der Kommandantur vor. Da er der französischen Sprache mächtig war, berichtete er den Franzosen vom Widerstand Pfarrer Kottmanns gegenüber den Nazis. Daraufhin ließen diese den Pfarrer wieder frei.

Die Franzosen waren nur wenige Tage im Dorf, die letzten zogen auf zwei Lastkraftwagen weiter. Auf der Fahrt hinunter in den Brühl ergriffen sie dabei noch einen versprengten deutschen Soldaten.